Andacht

Wer bin ich? Wer bist du? Wer ist Jesus? Und was hab ich mit Jesus zu tun?

Wer bin ich eigentlich?

Manchmal denk ich, ich will einfach nur Ich sein, und nicht überlegen, welche Erwartungen ich gerade erfüllen muss. „In welche Schublade mich wohl mein Gegenüber gerade steckt? Oder ist das nur mein Gedanke?“  

Manchmal möchte ich mir keine Gedanken über Konventionen und Regeln machen müssen, einfach drauflos leben. Doch dann holen mich die alltäglichen Aufgaben und vermeintlich unveränderbaren Vorgaben ein.

Auch Jesus hat sich Gedanken gemacht: „Wer bin ich eigentlich und wie sehen mich die anderen?“ Noch viel mehr haben sich die Leute aus Jesu Umfeld gefragt: „Wer ist dieser Mensch?“

In der Bibel im Matthäusevangelium in Kapitel 16 fragt Jesus seine Freunde:

13»Für wen halten mich die Leute eigentlich?« 14Sie antworten: »Manche halten dich für Johannes den Täufer, andere für Elija. Wieder andere meinen, dass du Jeremia oder einer der anderen Propheten bist.« 15Da fragt Jesus sie: »Und ihr, für wen haltet ihr mich?« 16Simon Petrus antwortet: »Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!«

Dietrich Bonhoeffer hat 1944, als er im Gefängnis war, sich auch die Frage „Wer bin ich?“ gestellt und sie in einem Gedicht verarbeitet:

„Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig […]

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? […]
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Die „Wer-bin-ich-Frage“ wirft mich zurück auf meinen Ursprung.
Da wird es ganz leise. Da ist ganz viel Platz für Antworten. Aber auch Raum für Zweifel.

Halte ich diese Lehre aus, die mir begegnet, wenn ich „Wer bin ich?“ frage?

Lasse ich diese Stille zu? Und was begegne mir da – am Ende des dunklen oder lichthellen Tunnels.
Ich nenn es Gott.

Mögliches GEBET

Gott, ich bitte dich, hilf mir zu entdecken, wer ich bin.

Gott, ich bitte dich, hilf mir zu verstehen, wer du bist.

Gott, ich bitte dich, hilf mir zu erkennen, wer mein Gegenüber ist. Amen


Gespräch

Wer ist dieser Mensch Jesus? Nur ein Prophet oder doch Gottessohn?

Tauscht euch aus über eure Jesusbilder. Sammelt, wie ihr euch Jesus vorstellt, welche Bilder die Bibel von ihm zeichnet. Welche Bilder sind euch fremd? Welche Jesusbilder sind euch nah?

Jesus, der sanfte Kinderfreund. Jesus, der laute Tempelstürmer. Jesus, der Partymensch. Jesus, der Gelehrte. Jesus, der Revolutzer. Jesus, der schmerzverzerrt Leidende. Jesus, der siegreiche Herrscher. Jesus, der historische Sandalenlatscher. Jesus, der post-moderne Weggefährte. Jesus, der nur unsere Hände hat.

Diskussion

Was haben diese unterschiedlichen Jesusbilder mit mir und meinem Glauben zu tun?

Jede Zeit und jedes Milieu hat ihre ganz spezielles Jesusbild. Das Jesus Bild der 1968er war der Revolutzerjesus, die Deutschenchristen stellten sich einen arischen Christus mit blauen Augen vor. Welches Bild von Jesus passt zu unserer Zeit heute? Wie kann dieser eine Jesus sich so ändern und was ist dann der „echte“ Jesus?


Aktion

Spielt eine Runde „Wer bin ich?“ (Zettel an die Stirn kleben, mit einem Namen beschriften, so dass nur alle anderen den Namen lesen können. Raten. Es darf nur mit Ja oder Nein geantwortet werden.)

Wählt verschiedene Kategorien: Erst ganz frei, von lebenden und historischen Personen, dann nur Biblische, dann nur Gottesbilder, dann nur Jesusbeschreibungen.

Schreibt ein Gedicht mit dem Anfang, Mittelteil und Abschluss des Bonhoeffergedichtes, und stellt es gegenseitig vor. Durckt dafür vorher als Vorlage das Gedicht mit ausreichend Platz wie folgt ab:

„Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ….


Wer bin ich? Sie sagen mir auch,  …


Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Wer bin ich? Der/die oder jener/jene?
Bin ich denn heute diese/r und morgen ein/e andre/r? […]
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Material

Dietrich Bonhoeffer Das ganze Gedicht Wer bin ich? Sie sagen mir oft, findet ihr unter diesem hier (Link)

Teresa von Avila (1515–1582)

Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen auf seine Seite zu bringen.

Ein passendes Lied findet ihr hier Man sagt er war ein Gammler (Link)

Weiterführende Fragen:

Wie ist Jesus weiß geworden? Historisch war Jesus ein Mensch aus dem Nahen Osten, doch die meisten Darstellungen zeichnen ihn als Nordeuropäer. Sarah Vecera (Link) beschreibt in ihrem Buch diese Verwandlung der Jesusdarstellung und träumt eine Kirche ohne Rassismus.

Wie würde sich euer Jesusbild und euer Glaube ändern, wenn ihr euch Jesus als Farbigen vorstellt? Wäre das ein Schritt zu weniger Rassismus in unserer Gesellschaft?



Tobias Funke

Impulse
Gruppen
Infos