Andacht

„Wann ist ein Mann ein Mann?“

Herbert Grönemeyer

Letze Woche Donnerstag war Christi Himmelfahrt. Ein komplizierter Feiertag, wie ich finde. Und zwar in mindestens zweierlei Hinsicht.

Zum Ersten: Theologisch kompliziert.

Denn schon der Name des Feiertages vermittelt mir ein Bild von einem Ereignis, dass ich mir nur sehr schwer vorstellen kann. Jesus fährt nach seiner Auferstehung in den Himmel. Dazu gibt es – insbesondere in der mittelalterlichen Kunst – eine Vielzahl von Bildern mit einem fliegenden Jesus.

Zumindest physisch regen sich da deutliche Zweifel in mir und ich erlebe, wie ich den Titel des Feiertages jedes Jahr aufs Neue bei Seite schiebe und mir sage: Bei der Himmelfahrt Christi geht es nicht um Physik oder irgendeine andere Wissenschaft, sondern um die Vergegenwärtigung der immerwährenden Existenz Jesu bei oder in Gott. Auch das – zugegebenermaßen – theologisch kompliziert, aber mir persönlich in diesem Jahr gar nicht so wichtig. In diesem Jahr hänge ich gedanklich eher hier:

Christi Himmelfahrt ist zum Zweiten auch gesellschaftlich kompliziert.

Denn der Feiertag wird in weiten Teilen unserer Gesellschaft – nach meiner Wahrnehmung übrigens unter Christen genauso wie unter Nicht-Christen – eher als Männertag gefeiert. Ein Konzept, dass ich noch viel weniger verstehe, als die Himmelfahrt Jesu.

Männertag. Da feiern Männer … ja was eigentlich?

Sich selbst? Ihre Männlichkeit? Männlichkeit an sich?

In der Regel lautstark.

In der Regel mit einer Menge Alkohol.

Und in der Regel früher oder später für die Umgebung unangenehm.

Das lässt mich regelmäßig fragend zurück.

Ist das typisch männlich?

Wenn ich in die Bibel und insbesondere ins Neue Testament schaue, fällt mir dazu folgendes auf:

Jesus – der in der Regel von uns männlich gelesen wird – passt so gar nicht zum Bild des lauten, dominanten und aufdringlichen Mannes bzw. Menschen. In den biblischen Texten und auch in meinem ganz persönlichen Alltagsbild begegnet mir Jesus vielmehr sanftmütig, zurückhaltend und zugewandt.

Er stellt sich nicht in den Mittelpunkt.

Er nimmt seine Gegenüber in den Blick und fragt: „Was kann ich Dir gutes tun?“

Er richtet sein Augenmerk auf die, die Hilfe brauchen und macht nicht den eigenen Vorteil oder das eigene Vergnügen zum Maßstab für sein Handeln.

Sollte nicht das typisch männlich – nein – typisch menschlich sein? Brauchen wir nicht vielmehr einen Menschen- statt einen Männertag?

Mir zumindest, würde das gefallen.


Gespräch

Kommt ins Gespräch darüber, welche Geschlechterrollenbilder Euch in Eurem Alltag begegnen. Bei Euch selbst. In der Schule. In der Familie.

Was ist dort typisch männlich bzw. typisch weiblich?

Wie geht es Euch mit diesen Bildern?


Aktion

Seid mutig und bereitet gemeinsam ein soziales Experiment vor. Versucht gemeinsam in einer Alltagssituation (z.B. bei einem gemeinsamen Einkauf, einen gemeinsamen Kinobesuch, einem gemeinsamen Picknick, einem gemeinsamen Gottesdienstbesuch oder ähnlichem) Geschlechterrollenbilder bewusst zu tauschen. Das kann durch vermeintlich typische Verhaltensweisen oder auch Äußerlichkeiten, wie z.B. Kleidung geschehen. Nehmt wahr, wie die Menschen um Euch reagieren.

Ludwig Schmidt

Impulse
Gruppen
Infos